.arch.kunst
akupunktur
binzmühle
autoren: florian meissner + stefan gross + jonty tolleson
datum: sep-2025 bis dez-2025
ausbildungsinstitution: eth zürich
kurzbeschreibung
Rituelle, wiederholbare und kollektive Praktiken sind nicht bloß ein kulturelles Ornament. Sie geben Halt, schaffen Gemeinschaft, lenken die Aufmerksamkeit, fördern die Zusammenarbeit und können sogar technische und organisatorische Innovationen vorantreiben. Die gezielte Wiedereinführung kleiner, klar definierter ritueller Räume in der Binzmühle bietet die Möglichkeit, weiterreichende Veränderungsprozesse in Gang zu setzen, indem gemeinsame Routinen, Bedeutungen und Tagesrhythmen in einem fragmentierten, neoliberalen Arbeitsumfeld und in einem Gebäude ohne ausgeprägten Gemeinschaftsgeist neu verankert werden. In einer Zeit, die stark von Individualismus und sozialer Zersplitterung geprägt ist, wirken solche rituellen Gemeinschaftsräume der Entfremdung entgegen und stärken gemeinschaftliches Leben sowie kollektive Identität. Diese Eingriffe sind nicht nostalgisch, sondern ausdrücklich zeitgenössisch, da sie das Potenzial von Ritualen nutzen, um der für die postindustrielle Gesellschaft typischen Fragmentierung aktiv zu begegnen.
Drei vorgeschlagenen Interventionen:
1. Ein Bad im Betonpflanztopf als ein Ort für langsame, verkörperte Rituale (Waschen, Abkühlen, informelle Gespräche). Das Baden ist ein universelles Ritual, das in allen Kulturen körperliche Communitas schafft, die Zeit verlangsamt und wiederholte soziale Begegnungen ermöglicht – all die soziologischen Funktionen, die wir brauchen.
2. Ein Concierge oder Café am Eingang dient als ein niedrigschwelliger, alltäglicher Ritualort (Kaffee, Nachrichtenaustausch, kurze Zeremonien wie Geburtstagskuchen oder informelle Treffen). Der Concierge ist ein Instrument, um vorhersehbare Gelegenheiten für Begegnungen zu schaffen.
3. Die begrünte Dachterrasse als Dachgarten für saisonale Zusammenkünfte, Feste, öffentliche Lesungen oder Aperos.
Als Architekten können wir die spezifischen Rituale, die Menschen in einem Raum vollziehen werden, weder vorhersagen noch vorschreiben, insbesondere nicht in einem dynamischen Mehrzweckgebäude wie der Binzmühle. Wir spielen jedoch eine entscheidende Rolle bei der Schaffung von Umgebungen, die das Potenzial haben, rituelle Praktiken zu unterstützen und zu inspirieren. Unser Ziel ist es, sinnvolle, anpassungsfähige Räume zu entwerfen, die zur gemeinschaftlichen Nutzung und zur Entwicklung von Ritualen einladen, selbst ohne zu wissen, welche Rituale sich konkret herausbilden werden. Dieses Projekt geht von der Erkenntnis aus, dass Rituale heute nicht mehr religiös oder monumental sind. Sie sind kleine, sich entwickelnde, oft improvisierte Formen des Zusammenkommens: gemeinsam Kaffee trinken, sich gemeinsam waschen oder jede Woche im selben sonnigen Plätzchen sitzen.
























